Evang. Doppelspitze

Eine Pfarrgemeinde wird von Pfarrer*in und Kurator*in gemeinsam repräsentiert: ein Mensch mit theologischer  Ausbildung in einer fixen Anstellung, und ein Mensch aus einem anderen Beruf im Ehrenamt. Die Gleichberechtigung in ihrer Zusammenarbeit ist ein typisches Merkmal der Evangelischen Kirche auf allen Ebenen: der Pfarrgemeinde, der Superintendentialgemeinde und der Landeskirche.

Michael Axmann – Wolfgang Rehner

Wir haben Superintendent Wolfgang Rehner und Superintendentialkurator Michael Axmann (Rechtsanwalt) gefragt, welche Vor- und Nachteile sich mit dem System der Zusammenarbeit ergeben.

Warum ist die Stellung der Ehrenamtlichen so stark in der Evangelischen Kirche?

Rehner: Da greife ich gerne auf meine Diplomarbeit zurück. Die bezog sich auf das Priestertum aller Getauften. Martin Luther erklärte uns, dass alle Getauften vor Gott wie Priester und Bischöfe sind: “Was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, schon zum Priester, Bischof und Papst geweihet zu sein.“

Axmann: Das gemeinsame Tun von Haupt- und Ehrenamtlichen ist für unsere Kirche grundlegend, denn nach reformatorischem Verständnis sind die Begabungen und Befähigungen gleichrangig und gleichwertig. Jede und jeder, egal ob ehrenamtlich oder beruflich, wirkt an der Gestaltung unserer Kirche mit.

Worin liegt die Stärke und wo liegen die Schwächen des Systems?

Axmann: Eine demokratische Haltung ist für Evangelische wichtig. Wir sind überzeugt, dass die Zusammenarbeit von Menschen mit Erfahrung aus verschiedenen Bereichen zu besseren Ergebnissen führt, als wenn eine oder einer alles allein entscheiden würde. Dafür dauert es manchmal länger, bis man eine gemeinsame Entscheidung gefunden hat.

Rehner: In der Leitung von Kirche kommt immer auch ein undemokratisches Element hinzu: Die Vergegenwärtigung von Christus. Wir haben als Geistliche bei der Ordination gelobt, Gottes Wort zu verkündigen und die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß zu verwalten. Das ist als Kernauftrag nicht verhandelbar. Wie dieser Auftrag in der Leitung von Kirche umgesetzt wird, wird bei uns – Gott sei Dank – demokratisch verhandelt. 

gemeinsam schaffen wir es …

Verhindert das System der Zusammenarbeit klare Lösungen? Es heißt sprichwörtlich: Zu viele Köche verderben den Brei.

Rehner: Sprichwörtlich heißt es auch: Viele Hände machen bald ein Ende. Die Kunst der Leitung besteht wohl darin, die vorhandenen Gaben und Möglichkeiten für die gemeinsame Sache zu nutzen.

Axmann: Es hat auch den Vorteil, dass man sich Aufgaben zum Teil aufteilen kann. Manchmal ist es besser, in bestimmten Situationen die Stärken des anderen auszuspielen. Der eine macht die Suppe und der andere die Nachspeise; die Hauptspeise machen wir jedenfalls gemeinsam.

Ganz ehrlich: wie oft denken sie: „Könnte ich nur allein entscheiden?“ Was tun Sie, wenn Sie sich nicht auf eine Meinung einigen können?

Axmann:  Das ist bisher noch nicht vorgekommen. Man darf nicht vergessen, dass auch wir nicht allein entscheiden, sondern der gesamte Superintendentialausschuss, so wie in den Gemeinden das Presbyterium. Wenn wir nicht weiterkommen, hilft uns der Superintendentialausschuss eine Lösung zu finden.

Rehner: Es ist ein Vorteil verheiratet zu sein – da lernt man, unterschiedliche Meinungen stehen zu lassen. Mit meinem Kurator bin ich zwar nicht verheiratet, aber auch da gilt: Unterschiede gehören dazu. Wichtig ist, zu wissen: Wir suchen nach der besten Lösung für die gemeinsame Sache.

Was schätzen Sie an Ihrem Partner?

Rehner: Michael Axmann ist unwahrscheinlich fleißig. Mit seinem Fachwissen versucht er, uns vor Schaden zu bewahren und das Ansehen unserer Kirche zu mehren.

Axmann: An Wolfgang Rehner schätze ich seine Unaufgeregtheit und seine Wertschätzung verschiedenen Strömungen in unserer Kirche gegenüber. Es beeindruckt mich sein Selbstverständnis aus einer Familie zu kommen, in der es seit Generationen Pfarrer gibt.

Immer weniger Menschen studieren Theologie. Wie sieht die Struktur einer Gemeinde in der Zukunft aus?

Axmann: Wir sehen jetzt schon, wie gut Ehrenamtliche das Leben in Gemeinden in pfarrerlosen Zeiten aufrechterhalten. Aber ohne Pfarrer*in fehlt natürlich Wesentliches, und es ist ein trauriger Zustand, der nicht zu lange dauern sollte. Ich vermute, dass Pfarrer*innen in Zukunft eine breitere Auswahl haben, in welcher Gemeinde sie sich bewerben wollen. Dies kann dazu führen, dass sich mehrere Gemeinden um dieselbe Pfarrerin oder denselben Pfarrer bemühen.

Rehner: Unser Berufsstand lebt davon, dass wir dieses „Du bist gebraucht!“ hören und darauf antworten mit „Ich bin für euch da“. Aber die Ehrenamtlichen prägen das Klima einer Gemeinde. Und es gibt weitere kirchliche Berufe, für die wir Aus- und Fortbildung neu aufstellen müssen: Gemeindepädagog*innen, Kirchenmusiker*innen, Diakon*innen… Die Strukturen müssen der Realität angepasst werden. Immer und immer wieder.

search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close